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12.06.2026 – Bundesverband

Moderne Schmerztherapie braucht Bewegung – Physiotherapie zwischen Coaching, Edukation und interdisziplinärer Verantwortung

Am 2. Juni 2026 fand der 15. Aktionstag gehen den Schmerz statt. Wie im vergangenen Jahr war Physio Deutschland aktiv an der Online-Pressekonferenz der Deutschen Schmerzgesellschaft e. V. beteiligt. Es sprachen Fachleute aus Medizin, Psychologie und Pflege – und Physiotherapeut Patrick Przybysz für Physio Deutschland über die Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen. Im Fokus stand die Rolle von Bewegung – und damit der Physiotherapie – in einer modernen, multimodalen Schmerztherapie. Auch die Frage, wie sich das Berufsbild aktuell verändert, wurde intensiv beleuchtet.

Onlinepressekonferenz setzt fachliche Impulse

Chronische Schmerzen betreffen in Deutschland mehrere Millionen Menschen – oft über Jahre hinweg und mit erheblichen Einschränkungen im Alltag, im Beruf und in der Lebensqualität. Dennoch erhält nur ein Teil der Betroffenen eine spezialisierte Behandlung, häufig zu spät oder gar nicht. Die Folgen sind Chronifizierungsprozesse, steigende individuelle Belastungen und hohe gesellschaftliche Kosten. Ein zentrales Ergebnis der Diskussion: Schmerz ist kein rein körperliches Phänomen. Psychische Faktoren wie Angst, Stress oder Hilflosigkeit sowie soziale Einflüsse wirken unmittelbar auf das Schmerzgeschehen ein. Moderne Therapiekonzepte orientieren sich daher am biopsycho-sozialen Modell und setzen auf die enge Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen.

Genau hier zeigt sich jedoch ein strukturelles Problem. Die multimodale Schmerztherapie gilt zwar als Goldstandard, ist aber zugleich ressourcenintensiv und zunehmend gefährdet. Sparmaßnahmen im Gesundheitswesen, Personal-mangel und unzureichende Versorgungsstrukturen setzen das System unter Druck. Bereits heute kämpfen viele Einrichtungen um ihre Existenz – bei gleichzeitig wachsendem Bedarf.

    

Physiotherapie neu gedacht

Innerhalb dieses Settings nimmt die Physiotherapie eine Schlüsselrolle ein. Dass sie weit mehr ist als ein ergänzender Baustein, betont Patrick Przybysz, Schmerzphysiotherapeut in Düsseldorf. Die moderne Physiotherapie löst sich bewusst von einem rein mechanischen Schmerzverständnis und richtet den Blick auf neurobiologische Zusammenhänge: „Bewegung ist bei Schmerzen mehr als Gymnastik – Physiotherapie ist der neurobiologische Schlüssel in der Schmerztherapie.“ Diese Perspektive steht für einen grundlegenden Wandel im Fach. Lange wurden Schmerzen vor allem durch strukturelle Defizite oder muskuläre Probleme erklärt. Heute zeigt die Studienlage, dass Schmerz im Zusammenspiel verschiedener Systeme entsteht. Bewegung wirkt dabei nicht nur auf den Körper, sondern beeinflusst auch die Verarbeitung im Nervensystem. Mit diesem erweiterten Verständnis verändert sich die Rolle der Physiotherapie grundlegend. „Wir verabschieden uns vom passiven Ansatz ‚Ich heile dich‘ und sagen stattdessen: ‚Ich zeige dir, wie du selbst aktiv werden kannst‘“, erklärt der erfahrene Physiotherapeut.

Im Zentrum steht damit die Befähigung der Patientinnen und Patienten. Ziel ist es, sie aktiv in die Therapie einzubeziehen und ihnen Werkzeuge für eigenständiges Handeln zu vermitteln. Besonders relevant ist das im Umgang mit Bewegung, die bei chronischen Schmerzpatientinnen und -patienten häufig mit Unsicherheit oder Angst verbunden ist. Diese sogenannte Kinesiophobie – die Angst vor Bewegung – gilt als zentraler Faktor im Chronifizierungsprozess. Wer Bewegung vermeidet, reduziert seine Aktivität, verliert an Belastbarkeit und verstärkt langfristig die Beschwerden. Physiotherapie setzt hier gezielt an: durch Aufklärung, schrittweise Aktivierung und positive Bewegungserfahrungen.

Ein weiterer wichtiger Punkt: Für den Therapieerfolg ist weniger entscheidend, welche konkrete Methode angewendet wird. Studien zeigen, dass viele Formen körperlicher Aktivität wirksam sein können. Ausschlaggebend sind vielmehr Regelmäßigkeit, individuelle Passung und nicht zuletzt die Freude an der Bewegung.

   

Edukation und Teamarbeit

Für die Praxis bedeutet das eine klare Verschiebung: weg von standardisierten Programmen hin zu individuellen, alltagsnahen Lösungen. Bewegung wird nicht verordnet, sondern gemeinsam entwickelt – angepasst an Ressourcen, Vorlieben und Lebensrealität der Patientinnen und Patienten. Gleichzeitig wird deutlich, dass Bewegung allein nicht ausreicht. Nachhaltiger Therapieerfolg entsteht erst, wenn Betroffene verstehen, warum Aktivität wichtig ist. Schmerzedukation wird damit zu einem zentralen Bestandteil physiotherapeutischer Arbeit. Sie korrigiert Fehlannahmen, reduziert Ängste und stärkt die Eigenverantwortung.

Besonders wirksam ist dieses Zusammenspiel in einem interdisziplinären Setting. In multimodalen Schmerzkliniken arbeiten alle Berufsgruppen auf Basis eines gemeinsamen Verständnisses. Diese „gemeinsame Sprache“ vermeidet widersprüchliche Botschaften und unterstützt Patientinnen und Patienten dabei, aktiv zu bleiben.

   

Weitere Versorgungsbereiche

Neben der Physiotherapie spielt die Psychotherapie eine wichtige Rolle, insbesondere bei emotionalen Belastungen und ungünstigen Verhaltensmustern. Allerdings bestehen hier deutliche Versorgungslücken: Lange Wartezeiten und fehlende Spezialisierungen erschweren vielen Betroffenen den Zugang. Auch die Perspektive der Patientinnen und Patienten unterstreicht die Bedeutung multimodaler Ansätze. Für viele markiert der Zugang zu einer inter-disziplinären Therapie einen Wendepunkt – nicht im Sinne vollständiger Schmerzfreiheit, sondern als Beginn eines besseren Umgangs mit den Beschwerden.

Die Diskussion zum Aktionstag zeigt deutlich: Moderne Schmerztherapie ist komplex, interdisziplinär und langfristig angelegt. Bewegung ist dabei kein isolierter Baustein, sondern integraler Bestandteil eines umfassenden Behandlungskonzepts. Für die Physiotherapie bedeutet das: Herausforderung und Chance zugleich. Sie ist nicht nur Teil des Systems, sondern eine tragende Säule – mit der zentralen Aufgabe, Menschen dabei zu unterstützen, trotz Schmerz wieder in Bewegung zu kommen.